Premiere mit 35 – ein unvergessliches Erlebnis als Schiedsrichter

von Sally Kulemann

Ohne nennenswerte eigene Karriere als Handballspieler entschloss sich Wieland Berkholz im schon fortgeschrittenen Alter dazu, die Schiedsrichterprüfung zu absolvieren. Über seinen ersten unvergesslichen Einsatz berichtet er im Folgenden. Trotz des holprigen Starts entwickelten sich die Einsätze mit der Pfeife zu seinem Lieblingshobby.

 

Nie werde ich meinen ersten Einsatz als Handballschiedsrichter vergessen. Es war im September 2010. Mein Sohn hatte in der E-Jugend in einem kleinen Verein mit dem Sport begonnen und es wurde für die Ausbildung geworben. Selbst hatte ich im Alter von 13 Jahren für etwa eine Saison den Sport in einem Verein betrieben. Die Regeln waren mir also bekannt.  Den theoretischen Teil hatte ich recht motiviert absolviert, auch wenn mich der Umfang der Regeln im Handball überraschte. Die Anzahl der möglichen Prüfungsfragen erinnerte eine Fahrschulprüfung. 

 

Ich kann nicht sagen, dass ich meiner Premiere entgegengefiebert hatte. Was sollte schon passieren? Privat und beruflich hatte ich schon lange im Leben Fuß gefasst. Da würde ich doch vierzehn 13-jährige Mädchen über 50 Minuten im Zaum halten können. 

 

Schon die ersten Minuten nach dem Anpfiff belehrten mich eines Besseren. Ich hatte mir zuvor eingetrichtert, so kleinlich und genau wie möglich zu pfeifen, damit auch wirklich niemand in der Halle merken sollte, dass hier ein Anfänger mit der Angst vor dem Pfiff agierte. 

 

Dabei machte mir die Reihenfolge, d.h. Unterbrechung, Handzeichen, evt. Bestrafung, Notiz auf der Spielkarte, Blickkontakt mit der Bank Probleme. Zunehmend erhöhte sich mein Pulsschlag. Von den Rängen meinte ich schon ein leichtes Raunen zu hören. In der Hektik steckte ich nach einem Freiwurfpfiff die Pfeife in die Tasche und wunderte mich, dass ich auf einmal keine Pfeife mehr in der Hand hielt. Mein Gehirn hatte auf Panikmodus umgeschaltet. Der Hals wurde trocken. Ich sehnte den Pausenpfiff herbei. 

 

Die Ratschläge meines Beobachters nahm ich wie in einem Tunnel wahr. In der Pause saß ich ganz verdattert in einer Ecke und wunderte mich, dass so ein Jugendspiel einen ähnlichen Stress hervor rief also hätte mich der fieseste Mathelehrer in der Schule unvorbereitet an die Tafel beordert. Die zweite Halbzeit lief dann schon deutlich besser, auch wenn der Zeitnehmer noch einmal das Spiel unterbrechen musste und mich an eine klare Zeichenregelung erinnerte. 

 

Nach dem Spiel zeigten auch die Trainer beider Mannschaften Nachsicht und gaben mir mit aufmunternden Worten die Hand. Mit meiner ersten Spielleitungsentschädigung fuhr ich direkt in ein altdeutsches Restaurant und leistete mir ein deftiges Schnitzel. Das Spiel hatte deutlich Kraft gekostet.

In der Folgezeit entwickelte sich der Dienst an der Pfeife zu meinem Lieblingshobby. Es dauerte zwar noch einige Spielzeiten, bis ich mit mir selbst einigermaßen zufrieden war, doch irgendwann wurden die Termine am Wochenende zu einer nicht missen wollenden Routine. Mich reizt insbesondere das Wissen um die Verantwortung. Die Mannschaften bereiten sich in der Regel durch zweimaliges Training unter der Woche auf die Begegnungen vor und haben Anspruch auf eine faire Spielleitung. Zudem ist es ein Hobby, in dem man nie die absolute Perfektion erreicht. Irgendein ein Pfiff liegt immer mal schief. 

 

Nun bin ich schon seit über 12 Jahren an der Pfeife aktiv und habe alle Altersklassen, von fünfjährigen Super-Minis bis zu den Alten Herren gepfiffen. Ich kenne die meisten Hallen im Bezirk und in vielen Vereinen treffe ich auf bekannte Gesichter. Nach dem Spiel ist oft noch Zeit für einen kleinen Plausch und ab und zu gibt es sogar kleine Komplimente, wie neulich, als ein Zuschauer in der Pause bemerkte. „Schau mal, der Mann hat als Einzelschiedsrichter das Derby unserer Herren 2 besser im Griff als die beiden im Vorspiel die Herren 1.“

Mein Hobby hat Regelmäßigkeit in mein Leben gebracht. Unter der Woche gestaltet sich der Arbeitsalltag recht stressig und abwechslungsreich. In den 60 Minuten konzentriere ich mich nur auf das Spielgeschehen und weiß eigentlich schon mit dem Schlusspfiff, ob es ein von meiner Seite gutes Spiel war.

Seit einigen Jahren kümmere ich mich auch als Schiedsrichterwart um den Nachwuchs und ich bin stolz darauf, dass von 13 Neulingen erst zwei dieses Hobby wieder an den Nagel gehängt haben.

 

Wieland Berkholz - FTG Frankfurt

 

 

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